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Steam Deck nach 6 Wochen

Ich bekam mein Steam Deck als Teil der letzten Paar Prozent, die noch innerhalb der Reservierung-Warteschlange bestellten. Am 06.09. hatte ich das gute Stück in meinen Händen.

Zu dem Zeitpunkt war ich mir sehr unsicher, ob ich das Steam Deck behalten oder sofort postwendend und beinahe originalverpackt (zum Selbstkostenpreis!!!) bei Ebay verkaufen würde. Im Sommer war meine Lust auf Spiele mal wieder sehr verkümmert. PC und Xbox standen viel ungenutzt herum und die Switch war schon lange verkauft.

Aber zumindest mal anschauen wollte ich es mir. Ein wenig damit herumspielen und ein Gefühl dafür bekommen. Mittlerweile habe ich das Gefühl – ein paar Sachen sind geil, ein paar sind geht so und ein paar sind Mist.


Geil – uneingeschränkt super

Meine Steam-Library

Erstes großes Wow war es, meine Bibliothek auf einer „neuen Konsole“ zu sehen. Mein Steam-Account existiert seit April 2008 – erster Kauf war Half Life 2. Und seitdem haben sich da nach und nach nicht wenige Spiele angesammelt.

Von diesen sind 155 „für das Steam Deck optimiert“ – in Valves Lingo also ein grüner Haken und uneingeschränkt spielbar. Von den anderen Spielen in meiner Bibliothek haben nicht wenige „das gelbe i“ – sind also laut Valve spielbar. Als Einschränkung gelten hier aber auch die Anzeige von Xbox Controller Prompts anstelle von Steam Deck Prompts oder kleinere Texte. Klar sind die stellenweise schwieriger lesbar, aber bis jetzt nie spielverhindernd. Nur sehr wenige sind als unspielbar getestet, die überwiegende restliche Mehrheit sind ganz einfach ungetestet. Dank Proton sind die Chancen aber sehr gut, das auch diese Spiele einfach laufen. Von meinen 763 Spielen auf Steam sind nur 137 im Moment „unspielbar“.

Und damit erübrigt sich auch das Problem des nicht vorhandenen System Sellers – alle meine Lieblingsspiele sind bereits dabei. Ich muss auf die Kosten des Decks nicht noch 3×70€ aufschlagen, um erstmal etwas Abwechslung zu haben. Und darüber hinaus gilt natürlich, was generell für das PC-Ökosystem gilt: wenn man nicht an Tag eins einen neuen Release spielen muss, sind Spiele absurd billig zu haben.

Couch-Gaming

Es ist fantastisch, sich entspannt auf der Couch zurück zu lehnen und zu daddeln. Für mich ist es deutlich weniger Commitment als mich an den Schreibtisch zum PC zu setzen. Ausserdem ist der Partner Acceptance Factor deutlich größer – ich kann nun bei der Herzdame auf dem Sofa spielen, während sie eine Serie guckt. Dabei habe ich nicht das Gefühl, mich irgendwie auszuschließen.

Ich musste vor kurzem für drei Tage ins Krankenhaus – da war das Deck natürlich in seinem Element. Strom vorhanden und ausreichend Langeweile = beste Voraussetzungen.

Gedocktes Couch-Gaming

Genauso gut funktioniert der Docked Mode. Auf meinem Fernseher wird das Steam-Interface hochauflösend dargestellt. Wenn es die Hardware des Steam Decks hergibt, dann auch die Spiele. Natürlich kann ich ein Horizon: Zero Dawn nicht in 4k spielen – aber einen kleinen 2d-Indie-Titel schon. Das Deck unterstützt mehrere kabellose Controller problemlos. Damit steht also Duck Game Couch Sessions nichts im Weg.

Steam Input

Ich muss zugeben, dass ich mich mit meinem Steam Controller nie so eingehend beschäftigt habe wie ich hätte sollen. Dann hätte ich deutlich früher gelernt, wie fantastisch Steam Input ist. Damit kann ich auch sehr anspruchsvolle Input-Schemata von Spielen, die nie mit Controllern im Hinterkopf designed wurden, abbilden.

Klar sind da ein gewisser Lernprozess und Muscle Memory zu überwinden, aber es ist cool, wie gut das geht. Auch Spiele wie Factorio oder Crusader Kings 3 sind gut spielbar. Einzig bei Shootern wie Stalker knabbere ich noch hart – eine Maus scheint mir im Moment für Shooter noch unersetzbar. Theoretisch sind die Möglichkeiten da – siehe Presets für Flickstick oder das extrem präzise Gyro – aber es klickt bei mir noch nicht. Es soll ja Leute geben, die Shooter hauptsächlich auf Konsolen spielen. oO

Stalker: Anomaly mit Custom Onscreen Menü

Emulation

Meine bisherigen Erfahrungen mit Emulation beschränkten sich auf OG Tetris auf meinem Telefon und ein paar Experimenten mit einem RetroPi. Nachdem nun aber das halbe Internet das Deck zur perfekten Retro-Maschine erklärt hat, habe ich das natürlich auch mal ausreichend getestet.

Und was soll ich sagen: klasse! Installation und Setup der Emulatoren ist zwar ein ganz klein wenig fiddelig (s.u.), aber sehr machbar. ROMs besorgen ist eine Übung in „wie navigiere ich den absoluten Bodensatz des Netzes“, aber auch machbar. Und dann läuft es einfach.

Von Gameboy über SNES und N64 bis hin zur Switch, Playstation 1 oder alte DOS-Klassiker – es geht alles. Und Mario 64 ist nach wie vor fantastisch, Pilotwings ebenfalls. Die älteren Spiele brauchen auch nur verschwindend geringen Speicherplatz – so ist es einfach, ganze Bibliotheken einfach so mit sich herum zu tragen.

Original 1994 XCOM via openxcom auf meinem Fernseher

Geht so – muss man mögen

Grafik-Porn

Mein „anderer“ PC ist nach wie vor gehobene Leistungsmittelklasse – die gute alte 2070 tut ihren Job, so gut wie alle neueren Spiele sehen nach vor fantastisch aus. Da kann das Deck natürlich nicht mithalten. Darum war meine größte Sorgen auch, wie ich damit umgehen werde. Ich erinnere mich an meine Zeit mit dem Witcher 3 auf der Switch – meine sehr eingeschränkte Zeit, da ich tatsächlich nicht darüber hinwegsehen konnte, wieviel besser das Spiel auf dem PC aussieht. Da waren dann alle Couch-Boni der Switch nicht genug.

Das eingebaute Display des Decks hat eine Auflösung von nur 1280 × 800 Pixeln. Die APU kann mit der 2070 nicht mithalten. Aber dennoch: es funktioniert. Für mich ist der Unterschied zwischen Deck und PC ok, obwohl es der zwischen Switch und PC nicht mehr war. Das ist natürlich extrem subjektiv – Aussagen wie „das Deck hat genug Grafik-Power“ sind ohne relativierendes „für mich“ einfach falsch. Aber ganz anekdotisch: ich habe Control bereits auf dem PC durchgespielt – und was für ein hübsches Spiel es doch ist. Und jetzt eben auf dem Deck nochmal. Klar, keine RTX-Reflexionen und festgenagelt auf 40 FPS. Aber es hat mir Spass gemacht. So viel Spass, das mir die Grafik nach kürzester Zeit nicht mehr auffiel.

Aber dennoch ganz klar middle of the road im Moment. Kein Problem bei 90% der Spiele, die ich so spiele. Aber Cyberpunk in 120 FPS auf Ultra ist eben einfach nicht drin. Ich bin sehr gespannt, was tragbare APUs in den nächsten Jahren so erreichen.

Allgemeine Fiddeligkeit

Es ist ein (Linux-)PC – mit allen Höhen und Tiefen. Das gute alte „Have you tried turning it off and on again?“ begegnete mir immer wieder. Selten bis nie beim eigentlichen Spielen, oft genug beim Setup von Controls oder beim Installieren von Steam-fremder Software. Erschwerend kommt dazu, das meine Erfahrungen mit Linux als Desktop-Betriebssystem alles andere als umfangreich sind.

Wenn ich mich auf die Spiele beschränken würde, die von Steam als „Verified on Deck“ kategorisiert werden, hätte ich kein Problem. Sobald ich aber nicht verifizierte Spiele, Emulation oder Spiele von anderen Stores (GoG, Epic,…) ausprobieren wollte, kam ich um den Desktop-Mode von SteamOS nicht herum. Und dort lauert die Fiddeligkeit. Mit ein wenig Verständnis und ein wenig mehr Frustrationstoleranz alles machbar, aber eben kein „Plug & Play“.


Ungeil – muss besser

Xbox – Play anywhere?

Gamepass auf dem Deck wäre schon fantastisch – ich mag den Service sehr gerne. Leider ist im Moment der einzig mögliche Zugang zum Gamepass-Content das Streaming via Xbox Cloud Gaming. Das funktioniert auch hinreichend gut, solange schnelles Internet verfügbar ist. Für eine Runde Deep Rock Galactic mit den Kids reicht es allemal. Aber unterwegs im Bus ist’s halt Essig.

Und natürlich ist das kein Problem, das Valve lösen könnte. Microsoft müsste eben einen Linux-nativen Gamepass-Client bauen UND die Spiele, die alle als Microsoft Store Apps beim Spieler ankommen, auf Linux lauffähig bekommen. Das sehe ich so bald nicht…

Crossplay

Noch ein Problem, für das Valve wenig kann. Aber zu wenig Spiele unterstützen Crossplay. Und zu viele von denen MIT Unterstützung haben kleine Fußnoten. Insbesondere das fehlende Crossplay zwischen verschiedenen Store-Versionen des gleichen Spiels ist extrem frustrierend. Ich WÜRDE ja Deep Rock Galactic nochmals auf Steam kaufen, wenn ich denn dann nicht nur mit Steam-Spielern spielen könnte, sondern auch mit meinen Gamepass/Xbox-Freunden.

Batterie-Laufzeit

Jaja, die Gesetze der Physik. Ältere und anspruchslose Spiele könnte man gut und gerne auch mal 4-6 Stunden am Stück spielen. Bei neueren Spielen und/oder allem, was irgendwie 3D ist, sieht es aber schnell deutlich düsterer aus. Control z.B. hat nach spätestens 2 Stunden die Batterie leergesaugt. Am Sofa habe ich natürlich ein Ladekabel, aber unterwegs muss man das schon in die Planung einbeziehen.

Fan-Lärm

Der kleine Lüfter muss bei neueren Spielen deutlich hörbar arbeiten. Damit geht dann auch schnell der Partner Acceptance Factor in den Keller und auch im Ruheabteil des ICE oder beim Arzt im Wartezimmer kommt es mir unangenehm laut vor. Auch hier setzt wieder die Physik Grenzen, irgendwo muss die Hitze eben hin. Und ausklappbare Radiatoren sind auch irgendwie albern – aber abends im Bett neben der Herzdame Cyberpunk spielen geht eben nur, wenn sie keinen leichten Schlaf hat.

Offline-Mode

Im Moment ist der Offline-Mode sehr sehr wackelig. Ich konnte noch nicht herausfinden, wann genau er sich einschalten lässt und wann er den Dienst verweigert. Im Moment fühlt sich das sehr nach Ritual an – dreimal dieses Setting, einmal das Deck im Kreis drehen und wenn die Sterne richtig stehen, schaltet sich der Offline-Mode ein.

Außerdem ist mir nicht klar, was genau der Offline-Mode IST. Das Deck hat ebenfalls einen Flugmodus, außerdem kann ich WLAN separat ein- und ausschalten. Das Deck kann also im Flugmodus sein und damit offline, aber trotzdem noch im Online-Mode.

Im Ergebnis dauert es ewig, bis manche Spiele starten oder sie verweigern komplett. Nach dem Starten des Spiels versuchen sie erstmal, irgendwelche Server zu kontaktieren – im Flugmodus natürlich umsonst.

Hier würde ich erwarten, das SteamOS das ganze deutlich würdevoller und unsichtbarer handhabt. Unterwegs erstmal drei Minuten mit Settings herumprobieren, bevor ein Spiel startet, ist extrem nervig. Es sollte möglich sein, meine Eigentümerschaft an Spielen so vorzuhalten, das sie auch ohne Internetverbindung problemlos starten (Online-Games ausgenommen, doh!). Ich will eigentlich gar nicht manuell zwischen irgendwelchen Modi wechseln müssen – im Idealfall sollte gelten „wenn Internet weg, dann automatisch Offline-Mode“. Hier muss Valve dringend noch feilen…

Bluetooth

Eine weitere technische Baustelle, die dringend noch Arbeit erfordert. Erstens ist das Pairing-Menü viel zu tief versteckt in den Systemeinstellungen. Und zweitens ist das Pairing alles andere als reibungslos. Immer wieder vergisst das Deck meine Kopfhörer oder behauptet, verbunden zu sein, ohne es zu sein. Hier würde ich erwarten, das sich Valve eine Scheibe von Apples Bequemlichkeit abschneidet. Wenn Kopfhörer an und zuletzt mit dem Deck gepaired, dann bitte Audio-Out über die Kopfhörer. Grundtenor ist der gleiche – ich will schnell wieder ins Spiel, ohne mich vorher mit irgendwelchen Menüs rumschlagen zu müssen.


Fazit

Ich bin überrascht, wie sehr ich das Ding mag. Mittlerweile hat sich der „neues Spielzeug“-Faktor gelegt, aber ich bin immer noch glücklich mit dem Deck.

Die oben genannten Probleme sind entweder durch Updates lösbar, durch Grenzen der Physik unlösbar oder außerhalb von Valves Kontrolle.

Für mich am Wichtigsten ist das „Unmittelbare“ – gefühlt nimmt das Deck eine Menge Reibung und (mentalen) Aufwand aus dem Zocken. Ich muss mir nicht ein Zeitbudget freimachen zum zocken, ich muss mich nicht in Zockposition an meinem Zockerschreibtisch vor meinen Zockrechner setzen. Ich schnapp mir einfach das kleine Maschinchen und daddel 20min.

Kurze Pause im Home Office? Den Rechner anwerfen und „ernsthaft“ spielen würde sich nach schummeln anfühlen. Eine kurze Runde Hades auf dem Deck? Not so much.

Würde ich das Steam Deck weiterempfehlen?

Nicht uneingeschränkt. Für Menschen, die sich vom neuesten AAA-Release zum nächsten hangeln, ist es zu schwachbrüstig. Für technisch Minderbegabte ist es zu sehr PC. Aber wenn du Spaß hast an Indies, noch genug Blockbuster-Releases von vor 2018 im Backlog warten und Emulation von Klassikern dich nostalgisch-warm fühlen lässt – go for it! Tolles Ding genau dafür. Auch wenn man ab und an durch ein paar Ringe hüpfen muss, um ans Ziel zu kommen.


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